Similauner – die Dax-Jungs oder der letzte Männerbund

von Mai 16, 2018 Business
Similauner

Die bekannteste und mächtigste Seilschaft der deutschen Wirtschaft sind die Similauner und das schon seit über 25 Jahren. Die Similauner, benannt nach einem 3000er in den Ötztaler Alpen, den sie als erstes gemeinsam bestiegen hatten, wurden 1992 durch den Extrembergsteiger Reinhold Messner und den Ex-MacKinsey-Chef Europa, Herbert Henzler, initiiert.

„It´s very lonely at the top“

Die Einsamkeit ist der Preis für den Erfolg und die Macht. Wer im handverlesenen Kreis der Similauner Aufnahme findet, kann sich deshalb glücklich schätzen. Allerdings ist es nicht einfach, in diesen repräsentativen Kreis aufgenommen und integriert zu werden. Maximal ein neues Mitglied kommt pro Jahr  hinzu  – die Aufnahme muß einstimmig erfolgen. Aspiranten gibt es in den Chefetagen genügend, aber das Aufnahmeverfahren ist vielschichtig, unter anderem muß man auch zwei Bürgen vorweisen.

In der älteren Generation war das Golfspielen der angesagte Sport, bei dem sich die Elite entspannte und gleichzeitig ihr Netzwerk ausbaute. Doch mittlerweile gilt Golf fast als Breitensport und die jüngere Generation wendet sich  lieber verschiedensten Extremsportarten zu, die gerne auch den Nimbus der Gefahr haben dürfen und in denen man sich beweisen kann. Insbesondere Bergsteigen und hochalpine Klettertouren sind bei Managern sehr beliebt. Körperliche Fitness gilt in den Führungsetagen als Zeichen von Disziplin, Ausdauer und Leistungsfähigkeit. Manager sollen schlank und durchtrainiert  sein, da in der heutigen ayurvedischen Gesellschaft die Vorstellung herrscht, dass geistige Höchstleistung nur in einem gesunden Körper möglich sei –

Sport ist zum Statussymbol geworden.

Besonders fasziniert sind die Manager, die Similauner vom Klettern und Bergsteigen unter der Führung von Reinhold Messner, da sie hier vor allem noch mehr Disziplin, Durchhaltevermögen und Zielorientierung lernen. Es macht sie physisch und mental stark. Die Similauner, ein Netzwerk amtierender und ehemaliger Topmanager, treffen sich zweimal im Jahr am Berg – zum sportlichen Wettstreit und zum fundierten Gedankenaustausch unter ihresgleichen.

Auch für den Rest des Jahres leben die Similauner, die Kameraden, denn so nennen sie sich, in der angenehmen Gewissheit füreinander da zu sein.

Zwischen der Karriere einer Führungskraft und der waghalsigen Besteigung eines Berges gibt es durchaus Parallelen:

  • das Setzen und Erreichen von objektiv unmöglichen Zielen
  • das Wiederaufstehen nach Schicksalsschlägen
  • das rechtzeitige Abbrechen von fehlgeleiteten Expeditionsvorhaben
  • das unbändige Verlangen zu lernen

Der Verleger und Similauner Hubert Burda formulierte es einmal so:

„ Der Berg ist in dir, und du musst ihn bezwingen.“

Der Korpsgeist beinhaltet die Devise, dass man denjenigen, der beim Klettern einen Fehler gemacht hat, versucht aufzufangen und ihn nicht fallen läßt wie es nur allzu oft im politischen und wirtschaftlichen Leben geschieht. Reinhold Messner selber formuliert das Ziel so:

„Die Anstrengung dort oben, das Ausgesetztsein, soll den Kopf frei machen für klare Gedanken“.

Nach ihrer allerersten Tour schrieb der Protokollant:

„Last but not least, die Similauner beschlossen die Tour in dem Gefühl, Mitglied einer ungewöhnlichen Seilschaft geworden zu sein.“

Ein Topmanager ist beruflich auch oben angekommen, er hat den Gipfel erreicht – dort hat er den Überblick und den Durchblick! Aber gleichzeitig ist er auch einsam, denn er trifft nur noch wenige Menschen, die sich mit den gleichen Themen wie er auseinandersetzen müssen.

Wenn der Topmanager ganz oben ist, dann hat er alle imaginären und realen Gegner aus dem Feld geschlagen. Die Kraft, die auf Widerstand getrimmt ist, läuft dann ins Leere. Er ist der letzte Gegner des Berges und dieser läßt sich nicht kleinmachen, geschweige denn aus dem Weg räumen wie so mancher Rivale. Denjenigen, der sich auf ihn einläßt, bringt er an die physischen und mentalen Grenzen – dadurch entsteht in ihm das Gefühl für das eigene Sein.

Der Similauner Herbert Henzler drückte es nach einer gemeinsamen Tour auf den Chimborazo einmal so aus:

„Da gibt es einfach eine Welt, in der wir kleine Wichtel sind.“

Reinhold Messner nennt diese Welt „erhaben“. Sie kann ebenso wie die gesamte Bergwelt, bewundert und bestaunt werden – Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen. Den Similaunern geht es in ihrer Seilschaft nicht nur um die wechselseitige Förderung des gegenseitigen Aufstiegs, sie sind füreinander da, wann immer einer den anderen braucht. Freundschaft kann auch auf dieser Ebene entstehen und langjährige Freundschaften werden unter den Similaunern nicht selten zu beruflicher Komplizenschaft.

Der Similauner Herbert Hainer empfindet die Kombination zwischen verbindenden Themen und den Einblick in die spezifische Befindlichkeit anderer Dax-Konzerne als sehr bereichernd.

Am Berg wird der Mensch auf das Wesentliche zurückgeworfen: In der Einfachheit einer intakten Landschaft das Glück der Selbstbestimmung, denn mit der unendlichen Wahl- und Entscheidungsfreiheit, mit der sie täglich konfrontiert sind, verlieren sie zunehmend das Gefühl für die eigenen Bedürfnisse. Sie möchten wieder die Kontrolle über ihr eigenes Leben gewinnen sowie Stabilität. Indem sie wandern, fühlen sie sich nicht nur als Similauner, sondern als Teil des Ganzen, als Mitglied der Natur.

Zum Wesentlichen gelangen die Similauner auch durch Reinhold Messner selber, der immer nur mit einem Minimum an Ausrüstung unterwegs ist. Das geistige Gepäck, das die Similauner jedes Jahr nach Hause mitnehmen, ist die Erkenntnis, dass das Leben immer wieder neu gefunden werden muß, dass es nie ohne Fehler geht und dass es hilfreich ist, sich mit dem Unmöglichen im Möglichen, dem Grenzenlosen in der Begrenzung zu beschäftigen. Ein effektiver Topmanager bewegt sich nicht ständig am Limit und will Berge versetzen – er akzeptiert auch Grenzen.