Stallgeruch – Ist ein sozialer Aufstieg in Deutschland möglich?

Braucht ein Land Eliten?

Eliten in Deutschland

Um diese Frage zu beantworten, muß der Begriff „Elite“ erst einmal definiert bzw. untersucht werden. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes von 1987-2015, sagte einmal: „Je komplexer die Welt, desto mehr sind wir auf Eliten angewiesen.“ Denn eine zur Gleichheit verurteilte Gesellschaft stagniert. Jede Demokratie braucht Eliten. In den 68er Jahren gab es eine Anti-Elite-Bewegung. Durch das Fehlverhalten einiger Topmanager und anderen  Trägern der Elite wurden diese Tendenzen später noch weiter unterstützt.

Die Realität erfordert jedoch  ein anderes Denken und weiterführende Entwicklungen: denn je komplexer und differenzierter Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft sind umso mehr sind wir auf Eliten angewiesen, da aus einer Demokratie kein „Konvent von Unwissenden“ (Peter Sloterdijk) entstehen darf. Im 21. Jahrhundert entscheidet die Mehrheit, welche Minderheit regiert. Politik und Wirtschaft müssen wieder mehr von der Macht des Geistes regiert werden und nicht vom Ungeist der Macht, deshalb braucht Deutschland und jedes andere Land Spitzenkräfte aus allen Bereichen, eine humanistisch geprägte Elite.

Eine Elite besteht aus Leistungs- und Verantwortungsträgern, die Ausnahmezustände schnell begreifen, die aus ihrem historisch-kulturell fundierten Bewußtsein die Legitimation vorhandener und zukünftiger Umstände reflektieren können und die aus einer Gesamtschau heraus Orientierungen in Zeiten der Beliebigkeit und Gleichgültigkeit vorleben. Insbesondere in den Machteliten sollte neben der Karriere der Aspekt des Dienens (Minister/ministrare=dienen) und des Respekts eine maßgebliche Rolle spielen.
Elite heißt Verdient-Machen durch vorbildhaftes Dienen am Gemeinwohl, heißt „Treuhänder“ der Allgemeinheit (Gerd-Klaus Kaltenbrunner) zu sein, heißt Respekt zu haben vor anderen, die begründet anders urteilen.
Unter Berücksichtigung all dieser Aspekte ist unmittelbar verständlich, warum ein Land, eine Demokratie langfristig ohne Eliten nicht auskommen kann.

Eliten in Deutschland

Zur Kern-Elite gehören in Deutschland ca. 1000 Personen, die entweder über ihr Amt oder ihr Eigentum gesellschaftliche Prozesse maßgeblich beeinflussen können. Zu diesen Berufsgruppen zählen Minister, Staatssekretäre, Richter am Bundesverfassungsgericht, Spitzenmanager, Großunternehmer, Herausgeber und Chefredakteure von Zeitungen und Zeitschriften sowie Wissenschaftler an der Spitze großer Wissenschaftsorganisationen.

90% dieser Elite haben einen Hochschulabschluss, der absolute Voraussetzung ist um in die Chefetagen aufzusteigen. Darüberhinaus sollte man aber über den entsprechenden Habitus verfügen und der läßt sich entgegen der gängigen Meinung nicht so leicht antrainieren.

Lernen kann man allenfalls die Kleiderregeln oder Tischmanieren.  Darüberhinaus handelt es sich um das Wissen um die versteckten Regeln und Mechanismen, die an der Spitze gelten, was en vogue ist sowie um einen breiten bildungsbürgerlichen Horizont. All diese Fähigkeiten und Eigenschaften werden in den Familien des Bürger- und Großbürgertums von klein auf über die Jahre vermittelt ebenso wie auch ein souveränes Auftreten.  Letzteres versetzt einen vor allem auch in die Lage, mit den eigenen Defiziten adäquat umzugehen. In diesen Familien spielen Bücher, Kunst und Musik eine große Rolle, es wird vorgelesen, die Kinder erhalten jenseits der Schule Musikunterricht und weitere Bildungsangebote. Sie haben ein größeres Zutrauen in ihre eigenen Möglichkeiten, gehen davon aus, dass es klappt, wenn sie sich etwas vorgenommen haben. Der Weg an die Hochschule ist quasi vorgezeichnet. Wesentlich durchlässiger sind die politischen Eliten. 50% der Eliten stammen dort aus dem Bürger- und Großbürgertum, in der Justiz und der Verwaltung sind es 2/3, in der Wirtschaft 80% und 60% in der Wissenschaft und den Medien.

Privatuniversitäten spielen bei der Elitebildung hingegen keine Rolle und ihre Bedeutung verringert sich noch weiter durch die Exzellenzinitiative: die neuen Eliteuniversitäten in Heidelberg, München und Aachen verfügen über Tradition und Reputation. Die Chancengleichheit ist durch die Exzellenzinitiative allerdings weiter gesunken, denn für die Aufnahme an diesen Universitäten zählt nicht Leistung, sondern Herkunft. Und diese wiederum ist eben auch mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten verbunden. Eltern aus den unteren Schichten sind in den meisten Fällen durch ihre Arbeit (z.B. Schichtdienst) so eingespannt, dass sie weniger Zeit für ihre Kinder haben um sie zu fördern. Schafft ein Kind trotzdem einen höheren Schulabschluss oder auch das Abitur, stehen die Eltern dennoch einem Studium oft kritisch gegenüber, da es in der Regel länger dauert und damit auch die Möglichkeit zum Geldverdienen. Deshalb ist in diesen Familien eine Lehre oft die 1. Wahl. Ähnliches gilt für Migrantenfamilien.

Zu allen Zeiten gibt es natürlich Persönlichkeiten, die es geschafft haben, sich durch  Fleiß, eiserne Disziplin und  gute Leistungen von ganz unten an die Spitze zu kämpfen. In Deutschland sind da zum Beispiel Persönlichkeiten wie Gerhard Schröder, Alt-Bundeskanzler und Rüdiger Grube, deutscher Manager, zu nennen.

Wie sieht die gegenwärtige Lage in Deutschland wie auch in anderen Ländern aus?

In Deutschland ist in den letzten beiden Jahrzehnten der Aufstieg immer schwieriger geworden. Ein tiefer Wandel sozialer Ungleichheitsverhältnisse hat stattgefunden. Zu Beginn der 2000er hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung aktuelle Berechnungen vorgestellt: die Realeinkünfte der untersten Einkommensgruppen sind geschrumpft, die der mittleren sind stagniert und in den oberen Gruppen war ein Zuwachs zu verzeichnen. Das private Vermögen ist in wenigen Händen: 10% der Bevölkerung verfügen über 58%, die ärmere Hälfte der Bevölkerung gerade mal über 0,1% des Gesamtvermögens. Immer mehr Menschen sind arm und gleichzeitig wird es immer schwieriger, dieser Armut wieder zu entkommen. Die soziale Mobilität, d.h. auch die soziale Durchlässigkeit hat in vielen Ländern abgenommen, was viele Staaten vor massive Probleme stellt. Lange Zeit motivierten Eltern ihre Kinder mit Aussagen wie „Ohne Fleiß kein Preis.“ oder „Den Tüchtigen gehört die Welt.“ Eine Studie zeigt, dass diese Aussagen immer mehr zur Illusion werden. Die Bedeutung des Zusammenhanges zwischen Herkunft und Erfolg hat in kaum einem anderen Land so zugenommen wie in Deutschland. Wenn Verteilungsungleichheit und Chancenungleichheit parallel zunehmen, sprechen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler von der Great-Gatsby-Kurve. Vor allem in den Konzernen ist der Weg nach oben nicht so durchlässig wie viele meinen.

Es gibt eine Studie, in denen Lebensläufe von Managern von den 100 größten deutschen Unternehmen untersucht wurden insbesondere im Hinblick auf ihr soziale Herkunft untersucht wurden.

Dabei stellte sich heraus, dass jeder zweite Manager großbürgerliche Wurzeln verbunden mit großem Wohlstand, hat. Jeder 3. Manager stammt aus dem Bürgertum. Nur 15% stammen aus der Mittelschicht oder der Arbeiterschaft. In Deutschland hat das Elternhaus einen weitaus größeren Einfluß als in jedem anderen Land. Auch am Gymnasium werden Kinder aus Akademikerfamilien bevorzugt, was dazu führt, dass 83% aus diesen Familien studieren, hingegen nur 23% aus anderen Familien. Kinder, die in einem großbürgerlichen Geschäftshaushalt aufwachsen, sind früh mit den damit verbundenen Problemstellungen, mit den Begriffen Leistung und Rendite vertraut, und können sich daher später souverän in der Geschäftswelt bewegen. Andererseits suchen diejenigen Vorstände, Aufsichtsräte und Chefs sich intuitiv jemanden, der ihnen im Kern ähnelt. Dadurch bleibt allerdings die Vielfalt auf der Strecke oder auch Querdenker, die einen anderen Blick haben könnten, haben keine Chance. Eine Trendwende ist leider nicht in Sicht. Durch materielle Ungleichheit werden bei denen, die mehr besitzen, Ressourcen frei, die sie wiederum in die Bildung ihrer Kinder investieren. Aber steigende Ungleichheit spornt nicht zu besseren Leistungen an, sondern untergräbt sie.

Eine solche Entwicklung ist durchaus nicht Privatsache, sie prägt das ganze Land, indem sie die soziale Ungleichheit quasi zementiert. Deutschland entwickelt sich auf diese Weise im 21. Jahrhundert wieder zu einer Ständegesellschaft. Ökonomen der britischen Versicherungsgesellschaft Standard Life analysierten Daten aus verschiedenen Staaten und stellten fest, dass der gesellschaftliche Aufstieg und die soziale Mobilität so schwierig wie seit Jahren nicht mehr ist.  Das „richtige“ Elternhaus wird immer entscheidender, was die wirtschaftliche Lage anbetrifft. Diese Problematik ist in Ländern wie Italien, Frankreich, Großbritannien und USA besonders stark ausgeprägt, weniger in den skandinavischen Ländern, Australien, Kanada und Deutschland, d.h. es ist kein Phänomen einiger weniger Länder.

Die fehlende soziale Mobilität ist insofern ungerecht, da gute Leistungen sowie innovatives und initiatives (Firmengründungen) Verhalten sich nicht mehr auszahlen, sondern im steigenden Maß die Herkunft zählt, nach dem Motto: „Die Rolltreppe nach oben fährt gerade nicht. Die Reichen sind schon oben.“

Exkurs: Was versteht man unter Stallgeruch?

Der Begriff „Stallgeruch“ ist ja eher ein umgangssprachlicher Begriff, aber im Zusammenhang mit der Thematik des sozialen Aufstiegs fest etabliert. In der Fachsprache verwendet man den Begriff „Habitus“, der aus der Soziologie stammt. Habitus kommt aus dem Lateinischen und  bedeutet Gehaben, habere (lat. haben).

Seit Aristoteles versteht man darunter das Auftreten und die Umgangsformen einer Person, die Gesamtheit ihrer Vorlieben und Gewohnheiten sowie ihr Sozialverhalten. Norbert Elias und Pierre Bourdin haben auf der Basis ihres philosophischen Wissens ihn zum soziologischen Fachbegriff weiterentwickelt und in andere Wissenschaftsdisziplinen integriert.

Eliten in England

Die britische Gesellschaft ist, was lange nicht realisiert wurde, extrem gespalten.
Great British Class Survey ist eine  Studie der Wissenschaftler Mike Sauvage, London School of Economics und Fiona Devine, University of Manchester, die von der BBC 2013 herausgegeben wurde, die zu folgenden Ergebnissen kam: das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital teilt sich in Großbritannien in sieben Klassen auf: Elite, etablierte und technische Mittelklasse, neu-wohlhabende Arbeiter, traditionelle Arbeiterklasse, junge Dienstleistungsarbeiter und Prekariat. Die Hälfte der Bevölkerung gehört zu den drei unteren Klassen, davon 15% zum Prekariat. Unter Prekariat versteht man eine Gruppe, die im Hinblick auf ihre Beschäftigung extrem gefährdet, vom sozialen Abstieg bedroht ist.
Drei Ursachen für die Armut und die extreme Unterschiedlichkeit in der britischen Gesellschaft sind relevant: die ausgebliebene bürgerliche Revolution vor 200 Jahren, das unbewegliche Bildungssystem und der Neoliberalismus der vergangenen 40 Jahre hat die Situation noch verschärft.
Die derzeitige Entwicklung zeigt deutlich, dass sich Deutschland neben vielen anderen Ländern gegenwärtig in einer Stagnation befindet und es bleibt zu hoffen, dass diverse Prozesse zeitnah wieder in Bewegung kommen, insbesondere zugunsten der nachfolgenden Generation. Denn diese wird über unsere Zukunft entscheiden und wie schon oben ausgeführt: Deutschland braucht Eliten!

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