Richard David Precht – Ein Portrait

von Juni 9, 2018Portraits
Richard David Precht

Philosoph, Visionär, Querdenker

Mit 3 Millionen verkaufter Bücher ist Richard David Precht nicht nur Bestsellerautor, sondern mittlerweile auch der populärste lebende Philosoph des Landes. Sein spektakulärer Erfolg begann damit, dass Elke Heidenreich 2008 in ihrer Literatursendung sein Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“ ausführlich lobte. Precht selbst sieht in dieser Tatsache seinen  Durchbruch und Ruhm begründet.

Richard David Precht nimmt am Zeitgeschehen teil, trägt mit seinen visionären Ideen viel nahezu revolutionäres Gedankengut bei, er hat aber auch viele Kritiker, insbesondere im Hinblick auf die Vielfalt seiner Themen und der Tatsache, dass er philosophische Themen für jedermann verständlich vermitteln kann. Seine Kritiker haben Richard David Precht Schmähnamen wie „David Garrett für Geisteswissenschaften“, „Sky du Mont für Buchhändlerinnen“ und „André Rieu des Wissenschaftsbetriebs“ verpasst – diese Zuordnungen lassen nicht unbedingt auf fachliche Kompetenz der Kritiker schliessen, eher auf Neid, denn ein „intellektueller Schönling“, der Millionen verdient, kommt nicht in jedem Weltbild vor. Es gab Zeiten, da nannte man Menschen wie Richard David Precht einfach Universalgelehrte!

Herkunft, Ausbildung und Beruf

Richard David Precht, geb. am 8.12.1964 in Solingen, stammt aus einer Familie mit fünf Kindern, davon waren zwei vietnamesische Adoptivkinder, die seine Eltern seinerzeit als Zeichen des Protests gegen den Vietnamkrieg angenommen hatten. Der Vater Hans-Jürgen Precht arbeitete als Industriedesigner, kam selbst  aus keinem großbürgerlichen Haushalt, beschäftigt sich schon ein Leben lang mit Literatur, Philosophie und Malerei ohne daraus einen gesellschaftlichen Nutzen zu ziehen. Dieses Rollenvorbild hat den Sohn zutiefst  geprägt: „Wissen erwirbt man nicht, um damit anzugeben.“ Dass Richard David Precht sein Wissen heute beruflich nutzen kann, war nicht vorgezeichnet, sondern hat sich später so ergeben.

Prechts Mutter engagierte sich bei Terre des Hommes, generell war das Milieu im Elternhaus linksgerichtet.

Nach dem Abitur im Juni 1984 leistete Precht Zivildienst um anschließend das Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Köln aufzunehmen, das er 1994 in Germanistik mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss.

Es folgten beruflich bewegte Jahre als Moderator, Kolumnist, als Fellow am Europäischen Journalistenkolleg in Berlin und als Essayist. Parallel zu diesen Tätigkeiten hat er schon früh das Bücherschreiben zu den verschiedensten Themen als seine Leidenschaft und Berufung erkannt.

Richard David Precht kann vor allem interdisziplinär denken und auf diese Weise viele Probleme nicht nur vom Standpunkt der Philosophie aus beleuchten. Zudem ist für ihn Philosophie nicht die Übertragung des „Unsagbaren ins Unverständliche“ und er differenziert zwischen den nationalen philosophischen Richtungen: die französische Philosophie zelebriert schon seit Jahrhunderten Gedankenkunst mit Lesevergnügen, die angloamerikanischen Philosophen hingegen können komplizierte Sachverhalte in einfache, verständliche Sätze übertragen – diese Fähigkeit wird im deutschsprachigen Raum oft unterschätzt: „Das kann so schlau nicht sein, das verstehe ja selbst ich.“ So gesehen, muß man den Philosophen Richard David Precht eher in der Tradition des englisch geprägten Philosophen Wittgenstein sehen: „Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden.“ Und Precht selbst sagt, dass es im Grunde in der Philosophie nur zwei wichtige Zeiträume gäbe: denjenigen eines Platon und Aristoteles sowie die Zeit der Aufklärung. An diesen Strom kann ein Philosoph der Gegenwart anschliessen.

Neben den vielen philosophischen und ethischen Themen, die er in seinen Büchern behandelt, gehören die Bildung der zukünftigen Generation und die Digitalisierung, die unser aller Zukunft prägen und in vielen Lebensbereichen entscheidend verändern wird, zu seinen bevorzugten Wissensgebieten.

In Prechts Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“, das 2013 erschien und teilweise sehr heftig kritisiert wurde, fordert er nichts weniger als eine Bildungsrevolution: Wissen nicht eintrichtern, sondern Kreativität und selbstständiges Denken auf allen Ebenen fördern!

Sein zuletzt erschienenes Buch „Jäger, Hirten und Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ setzt sich mit den Themen auseinander, die uns alle betreffen werden.

Gegenwärtig verändert sich die Welt in einem rasanten Tempo und die Menschen reagieren darauf sehr unterschiedlich – entweder sie feiern die digitale Zukunft mit erschreckender Naivität, die einen warnen vor der Diktatur der Digitalkonzerne aus dem Silicon Valley, andere möchten die Probleme mit Lösungen aus der Vergangenheit bewältigen und die Politik scheint den bevorstehenden Umbruch nicht ernst zu nehmen.

Richard David Precht skizziert das Bild einer wünschenswerten Zukunft im digitalen Zeitalter und denkt darüber nach, ob das Ende der Leistungsgesellschaft überhaupt einen Verlust darstellt. Er sieht darin eine Chance, künftig erfüllter und den eigenen Maßstäben entsprechend zu leben.

Nach Prechts Ansicht müssen dafür jedoch jetzt die Weichen gestellt und unser Gesellschaftssystem konsequent verändert werden. Denn es liegt in der Natur des Menschen, sich selbst zu verwirklichen, zu arbeiten und zu gestalten, von neun bis siebzehn Uhr in einem Büro zu sitzen eher nicht. In diesem Buch zeigt Precht auf, an welchen Stellen sich die kritischen Punkte befinden und wie wir die Weichen richtig stellen müssen, denn die Frage wird künftig nicht sein: Wie werden wir leben?, sondern: Wie wollen wir leben?

Die sprachliche Brillanz der hochdeutschen Sprache, so wie Precht sie zu handhaben versteht, seine Bildkraft, sein großer Wortschatz und sein fließender Stil lohnen allein schon die Lektüre um sich mit Prechts Gedankengebäuden auseinanderzusetzen.

Precht zerlegt in klarer Analyse den technischen Fortschrittswahn des „Silicon Valley“, arbeitet schlüssig heraus, dass dieser „nicht auf den Menschen fixiert ist“ und schildert dessen Folgen (Utopie von 2040, nachzulesen im Buch). Diese Vision ist zwar nichts grundlegend Neues (eher etwas sehr Altes), aber er begründet solide, warum in der antiken Philosophie und Lebenshaltung  immer schon der Kern für eine konstruktive statt nur rein funktionale „Zukunft des Menschen“ angelegt ist.

Denn damals war der Mensch nur ein „freier Mensch“, wenn er nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste. Während in der Antike „Frauen und Sklaven“ für die Arbeit zuständig waren, galt es später als „linke“ Utopie und Vision, dass der Mensch davon einmal befreit sein und stattdessen Maschinen diese Rolle übernehmen würden.

Politische Instabilität, wirtschaftliche Krise und individuelle Wertekrise, das sind die Gefahrenmomente, die Precht uns vor Augen stellt, und durch die die Welt nachhaltig „aus den Angeln“ gehoben werden kann.

Es gäbe aber daneben eine Entwicklungsmöglichkeit in stringenter Linie der Lebenshaltung von der Antike bis zur näheren Zukunft. Precht legt dar, dass sich das aktuelle System selbst ad absurdum führen wird. Und ob das bedingungslose Grundeinkommen, das Precht als Lösung anbietet, der Weisheit letzter Schluss ist, muß und sollte erst noch diskutiert werden, denn ein stereotypes „Weiter so“ wird in Zukunft nicht mehr tragfähig sein.

Richard David Precht bietet uns eine differenzierte und überzeugende Lektüre an, über die wir auf jeden Fall nachdenken sollten.

Beitragsbild: von Ji-Elle [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons