Living Apart Together – ein Beziehungsmodell der Zukunft?

Living Apart Together, abgekürzt LAT, bedeutet getrennt zusammen leben - dieser Ausdruck wurde im Jahr 1980 von der niederländischen Autorin Cees J. Straver als wissenschaftlicher Begriff eingeführt und bezeichnet eine selbst gewählte Basisform der Partnerschaft.

Pärchen an einem Bahnsteig

Die Partner sind in einer LAT-Beziehung zwar fest liiert, haben evtl. sogar gemeinsame Kinder, doch, ebenso wie in einer Fernbeziehung, wohnen sie nicht zusammen. Die Living Apart Together-Beziehung unterscheidet sich von einer klassischen Fernbeziehung durch die Freiwilligkeit bzw. bewusste Entscheidung für diese Form der Partnerschaft. Sie stellt eine Wunschkombination aus enger persönlicher Beziehung und größtmöglicher wirtschaftlicher sowie räumlicher Unabhängigkeit dar. 

Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir oder Woody Allen und Mia Farrow führten eine LAT-Beziehung. In Künstler- und Intellektuellenkreisen war dieses Lebensmodell schon viel früher üblich, lange bevor es sich in den bürgerlichen Kreisen der westlichen Gesellschaft etablieren konnte. Diese Beziehungen galten als förderlich für die Kreativität und die Selbstentfaltung der beiden Individuen – gleichzeitig sollten sie ein Zeichen gegen die bürgerlichen Konventionen setzen. Die teilweise grundlegenden Veränderungen in der westlichen Gesellschaft, insbesondere durch die sich stetig weiterentwickelnde Frauenbewegung bedingt, begünstigten die Zunahme des Living-Apart-Together-Phänomens. Laut einer Studie der Humboldt Universität in Berlin bevorzugen Paare im Alter von 18-27 Jahren LAT nur als Übergang um schließlich eine Ehe einzugehen und ihren Kinderwunsch zu verwirklichen, also eine Familie zu gründen. Hingegen ist die Anzahl derjenigen, die dieses Modell leben, bei den über 40-jährigen extrem gestiegen. Partner, die schon eine gescheiterte Ehe hinter sich haben, alleinerziehend oder negative Erfahrungen in langjährigen Partnerschaften gemacht haben, entscheiden sich oft ganz bewußt für eine eigene Wohnung. Auch verwitwete Frauen, die noch einmal eine Partnerschaft eingehen, bevorzugen es oft, alleine zu wohnen. Das kann verschiedene Gründe haben: der Respekt vor dem verstorbenen Partner, aber auch der Wunsch, nach oft jahrelanger Abhängigkeit, sei es durch den Mann und durch die mittlerweile meist erwachsenen Kindern, sich wieder den eigenen Freiraum zu erobern.

Bei jüngeren Menschen läßt sich das Konzept Living Apart Together auch auf den Wunsch zurückführen, noch länger ohne familiäre  Zwänge bzw. Verpflichtungen leben zu können. Im Vordergrund steht dann die Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit der Partner.

Nach der Auffassung des LAT-Konzepts entspricht das Zusammenziehen und das gemeinsame Wohnen nicht der logischen, sondern lediglich der konventionellen Beziehungsentwicklung, ebenso die häufig damit verbundenen unerwünschten Konsequenzen. Der Wunsch bzw. dem Drang, dem althergebrachten Muster zu folgen, entspricht laut LAT-Philosophie weniger der Natur als den gesellschaftlich g geprägten Erwartungen des Menschen und ihm zu widerstehen, eröffne denjenigen, die trotz fester Lebenspartnerschaft frei bleiben wollen die Möglichkeit ihre Bedürfnisse auch in einer dauerhaften Beziehung erfüllen zu können. Zudem ist es von ausschlaggebender Relevanz für das Gelingen einer solchen Partnerschaft, dass beide Partner das Modell bejahen können, aber dies gilt im Grunde ja für jeden Lebensentwurf.

Wie zukunftsweisend ein Beziehungsmodell ist, können letztendlich nur diejenigen beurteilen und bewerten, die es praktiziert haben oder praktizieren. Selbst dann ist die Wertung immer subjektiv und beschränkt sich auf diese eine individuelle Konstellation.

Jeder, der schon einmal in einer Partnerschaft mit dem geliebten Menschen „Tisch und Bett“ geteilt hat, kennt auch die Schwierigkeiten, die der Alltag mit sich bringt und welche Herausforderung bzw. Belastung er darstellen, ja manchmal zum regelrechten Beziehungskiller werden kann.

Lästige Streitereien über Alltagsfragen wie „Warum ist der Wäscheberg noch nicht abgearbeitet?“, „Wer putzt das Bad?“, „Wer bringt den Müll weg?“ und „Wer kauft ein?“ erscheinen auf den ersten Blick als triviale Kleinigkeiten, die sich jedoch bei Wiederholung zu echten Problemen und einem hohen Maß an Gereiztheit entwickeln können. Auch diverse Marotten und Eigenheiten des Partners werden auf eine gewisse Distanz eher toleriert bzw. fallen weniger auf.

Da sich jeder in seiner Wohnung einen ganz persönlichen Rückzugsraum schaffen kann, werden auch Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Einrichtung, des Essens oder des Musikgeschmacks entschärft. Living Apart Together ermöglicht den Partnern, sich für die gemeinsam erlebte Zeit bewußt zu entscheiden. Diese Tatsache reduziert die Notwendigkeit für Kompromisse und Tauschgeschäfte in alltäglichen Angelegenheiten ungemein. Auf diese Weise werden die negativ empfundenen Seiten nicht zu einer immer wiederkehrenden Herausforderung, die oft dazu führt, dass das Paar die liebenswerten Seiten aneinander nicht mehr wahrnimmt, was im schlimmsten Fall bekanntlich zur Trennung führen kann.

Wir müssen erkennen, dass das Zusammenleben eines Paares in den seltensten Fällen von einem immer währenden „Honeymoon“ geprägt ist. Diese Vorstellung ist zwar wundervoll, aber ziemlich unrealistisch. Stattdessen muß man sich mit 

  • Reibereien um Kleinigkeiten (Gefahr eines sich Hochschaukelns)
  • ständigen Absprachen (Voraussetzung: entsprechend hohe Bereitschaft zu konstruktiver Kommunikation)
  • „Gewöhnungseffekt“ – sich aneinander sattsehen

befassen und auseinandersetzen.

Pragmatiker verweisen dann gerne auf die LAT-Beziehung. Da in getrennten Wohnungen jeder genügend Raum für sich hat, verfügt er auch über die notwendige Zeit und Energie, den anderen ab und zu mit einer romantischen Aufmerksamkeit zu überraschen.

Insbesondere Menschen mit Bindungsangst kommt LAT als modernes Beziehungsmodell sehr entgegen. Diese würden eigentlich von diversen Kleinigkeiten einer Partnerschaft in die Flucht getrieben werden (zeitgleich ins Bett gehen, obwohl man selber eigentlich eine Nachteule ist oder auch die Frage:“Was wollen WIR heute machen?“). Diese Menschen können sich in getrennten Wohnungen leichter auf eine Beziehung einlassen und sich aus diesem Schutzraum heraus ein sichereres Bindungsverhalten aneignen, was sich wiederum ausgesprochen positiv auf die Paardynamik auswirken kann. Daher erklärt es sich u.a. auch, warum vor allem Männer bis Mitte 30 LAT befürworten, während Frauen erst rund ein Jahrzehnt später die Vorzüge zweier Wohnungen erkennen.

Vielen Menschen ermöglicht das LAT-Modell überhaupt erst, feste und stabile Beziehungen einzugehen und wenn beide Partner darin glücklich sind, spricht überhaupt nichts gegen dieses immer beliebter werdende „Beziehungsmodell“, das ja in erster Linie ein Wohnmodell ist und keinerlei Aussage über die Tiefe und Wahrhaftigkeit einer Liebe darstellt.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es sich bei LAT-Paaren jedoch selten um eine „junge Liebe“ handelt: die meisten sind im Alter 40+ und viele, insbesondere ab 50+ waren bereits verheiratet. Und last but not least: die heutige 70+ Generation löste mit der Frage nach den getrennten Schlafzimmern seinerzeit eine kleine Revolution aus – in den Reihenhäusern oder dem Einfamilienhaus am Stadtrand war dafür der notwendige Platz vorhanden. 

LAT findet heute vorzugsweise in den großen Städten, so gut wie nie auf dem Dorf statt. Und wirklich große Wohnungen sind in der Stadt nicht bezahlbar. Deshalb bleiben die Partner häufig in den Wohnungen, die sie bereits vor dem Kennenlernen hatten; und das Argument des Geldsparens entbehrt nun wirklich jeglicher Romantik! Nichtsdestotrotz darf nicht verschwiegen werden, dass die Finanzen und die doppelte Haushaltsführung der Preis für die Freiheit sind.

Eine spezielle Form einer LAT-Beziehung ist diejenige, wenn Kinder, sei es von einem oder beiden Partnern, involviert sind, d.h. wenn es sich um eine Patchwork-Familie handelt. Dass Paare sich entschliessen, LAT zu leben und eigene Kinder zu haben, ist eher selten der Fall. In jedem Fall ist diese Konstellation mit einem deutlich erhöhten Organisationsaufwand verbunden, der ggfs. nicht unterschätzt werde sollte, aber andererseits auch eine Frage der Zeit ist.

In jeder Langzeitbeziehung weicht hormonell bedingt die Leidenschaft irgendwann der Harmonie. Die Distanz ist für LAT-Paare deshalb eher förderlich, da sich weniger Gewohnheit einschleicht. Aber ebensowenig wie dauerhafte Möglichkeiten macht Distanz alleine noch keine Lust. Im Grunde genommen muß jedes Paar daran arbeiten, sich mit seiner Sexualität nicht in der Komfortzone des kleinsten gemeinsamen Nenners aufzuhalten, was auch vielen LAT-Paaren sehr gut gelingt. Dennoch ist dies eher eine Frage der Persönlichkeit und der individuellen Paar-Dynamik als der Beziehungsform an sich. 

Viele Singles glauben, dass man mehr Sex hat, wenn man mit seinem Liebsten zusammen wohnt – Kuschelstunden auf dem Sofa und das gemeinsame Schlafen gelten als Garant. Eine Umfrage am Londoner University College ergab jedoch, dass die Realität anders aussieht, nämlich, dass die Frauen dann eher weniger Lust auf Sex haben, während sie bei den Männern zunimmt. Insbesondere störe die Frauen, dass Männer allzuoft dazu neigen würden nach dem Zusammenziehen mit dem Werben aufzuhören. Auch der Psychotherapeut Wolfgang Krüger vertritt die These, dass die Erotik und Leidenschaft verflache, wenn man zu früh zusammenzieht. LAT habe gerade anfangs den Vorteil, dass eine gewisse Spannung aufrechterhalten bleibe. Selbstständigkeit ist bekanntlich sexy!

Auf den Konflikt zwischen Autonomie und Selbstständigkeit hat Krüger sich spezialisiert. Er sagt: „In jeder Beziehung dreht es sich darum, die Gleichung zwischen Freiraum und Bindung zu finden. Aber die Ausprägung dieser Bedürfnisse sei eine Typfrage und bei den Menschen sehr unterschiedlich.“ Für Menschen, die ein starkes Autonomiebedürfnis haben, bietet Living Apart Together eine ideale Beziehungsform, da sie einerseits Sicherheit biete, aber auch Freiräume enthalte. Dass diese Menschen im Falle einer Trennung ihr eigenes Leben einfach fortführen können, hat für sie mehr Gewicht als mögliche emotionale und finanzielle Vorteile als eine gemeinsame Wohnung. 

Nichtsdestotrotz berge diese Freiheit und Flexibilität auch Risiken. Eigentlich besagt jede Studie, dass man irgendwann mit dem Partner zusammenziehen muß, wenn man mit dem Partner zusammenbleiben will und durch getrennte Wohnungen entgehe man vielen Anpassungskonflikten wie z.B. Möbelfragen oder unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen. Aber für die Langfristigkeit von Beziehungen ist dieses sich Arrangieren ein wichtiger Prozess. 

Während LAT für Spannung in der Liebe und prickelnde Verabredungen stehe, ermögliche das Zusammenleben, sich in entspannten, ungezwungenen Momenten zu begegnen. Und auch dauerhaftes zusammen Einschlafen und nebeneinander Aufwachen stärkt unterbewußt das Bindungsgefühl, schafft Nähe und Geborgenheit.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb schon in einer Parabel aus dem Jahr 1851, Menschen seien im Grunde wie Stachelschweine: Einerseits wollen wir genügend Nähe haben, um im Winter nicht zu erfrieren. Andererseits stören uns die Stacheln der anderen, sobald wir zu eng zusammenrücken. Und das wird sich wohl auch in Zukunft kaum ändern.

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