Kofi Annan – ein Advokat für das Gute

von September 1, 2018 Portraits

„Alles, was das Böse braucht um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“ Kofi Annan

Kofi Annan, der vor kurzem verstorbene ehemalige Generalsekretär der UN, gehörte zu den wenigen Menschen, die an eine bessere Welt glaubten und fast ein ganzes Leben dafür gekämpft und gearbeitet haben. Annan war eine moralische Instanz der Weltgemeinschaft, sein Wort hatte Gewicht – seine Stimme wird in Zukunft schmerzlich vermisst werden.

Er war ein Mann mit einer unermeßlichen Schaffenskraft, die unzähligen Projekten, die ihm ein Anliegen waren, zugute kam. Er hatte immer einen Grund, wenn er sich für eine Sache einsetzte und sein Einsatz verlieh der Sache umgehend ein Gewicht. Kofi Annan saß auf Augenhöhe mit dem König von Thailand oder dem japanischen Kaiser. Er konnte dem amerikanischen Präsidenten oder Bassar al-Assad, dem Schlächter von Damaskus, widerstehen. Dieser Mann konnte jeden Blick und fast jeden Willen ertragen, aber nicht unbedingt bezwingen. Er konnte zuhören und schauen und fragen, ein Meister der Taktik und der Menschenkenntnis. Er wollte ausgleichen und dienen – im Kleinen wie im Großen, dem Menschen und der Menschheit. Sein Credo bzw. seine Arbeitsphilosophie bestand darin, dass man nur einfordern könne, was man versuche, selbst besser zu machen. Denn wer sich nicht einbringe, verliere sein Beschwerderecht. Kofi Annan brachte zwei wesentliche Voraussetzungen mit um es selbst nahezu optimal zu machen: seine Gesprächspartner fühlten sich von ihm von Grund auf verstanden und er hatte ein absolutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt und die beste Taktik. So wurde er oft als Diplomat der  Diplomaten bezeichnet.

Er war ein Leben lang ein Diener der Völkergemeinschaft, ein Symbolträger für alles Wahrhaftige und Erstrebenswerte: er konnte durch die Kraft seines Wortes und seiner Präsenz die Dinge zum Besseren wenden.- eine Autorität des Guten.

Kofi Atta Annan wurde am 8. April 1938, einem Freitag, in der ghanaischen Stadt Kumasi, als sein Heimatland noch die britische Kolonie Goldküste war, geboren. In der Sprache Akan bedeutet Kofi einfach Freitag, ein Name, der dort keine Seltenheit ist. Er hatte noch eine Zwillingsschwester, Efua Atta, die bereits 1991 starb – der zweite Name Atta bedeutet Zwilling. Seine Familie gehörte zur Elite des Landes und stammte aus der Ethnie der Fante – seine beiden Großväter und ein Onkel waren Stammesführer und durften sich Chief nennen, sein Vater arbeitete über lange Zeit als sehr erfolgreicher Manager für die Firma Lever Brothers.

Kofi Annan wuchs in den Jahren der ghanischen Unabhängigkeitsbewegung auf, eine Tatsache, die ihn für sein späteres Leben sehr prägte.

Annan war zweimal verheiratet: von 1965-1983 mit Titilola Alakija, aus dieser Ehe stammen die beiden Kinder Kojo und Ama und ab 1984 mit der schwedischen Anwältin und Künstlerin Nane Maria Annan.

Annan besuchte von 1954-1957 die Mfantsipim School, ein methodistisches Internat in Cape Coast in Ghana.Ab 1958 absolvierte er in Ghana ein Studium der Wirtschaftswissenschaften am Kumasi College of Science and Technology. Dank eines Stipendiums der Ford-Stiftung setzte er sein Studium in den USA fort und erlangte dort 1961 einen Bachelor-Abschluss, ein Jahr am Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien schloss sich an. Der Master of Business Administration an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology 1972 rundete das Studium ab.

Bereits 1962 begann er seine Karriere als Beamter bei den Vereinten Nationen, unter anderem waren seine Stationen Äthiopien, Ägypten und New York. 1974 verließ er die UNO um für zwei Jahre zurück nach Ghana zu gehen – doch es hielt ihn nicht lange in der Heimat. Kofi Annan wechselte zum Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) nach Genf, Positionen in New York folgten, wo er ab 1986 dann zur Führung gehörte. Er war später der erste UNO-Generalsekretär, der sich in der Verwaltungshierarchie hochgearbeitet hatte und außerdem der erste Amtsinhaber aus einem Staat südlich der Sahara.

Von 1996 bis 2006 führte Annan als Generalsekretär der UNO – er war Nachfolger des Ägypters Boutros Boutros-Ghali – die Weltgemeinschaft mit ruhiger und sicherer Hand durch zehn wechselhafte Jahre. Nach der Amtsperiode, die 2001 endete, wäre dem Ritus nach ein asiatischer Kandidat an der Reihe gewesen, aber die asiatischen Länder widersprachen seiner Wiederwahl nicht, vermutlich wegen seiner Beliebtheit. 2007 übergab er sein Amt dann an den südkoreanischen Außenminister Ban Ki Moon, ein Kandidat, dem das Charisma eines Kofi Annan jedoch nicht gegeben war, was dessen Stern umso heller leuchten lässt.

Er sagte mit einer groß angelegten Kampagne dem HI-Virus sowie der Aids-Epidemie, ebenso den Krankheiten Tuberkulose und Malaria mit Hilfe seines Weltfonds Global Fund, den Kampf an.

Schon in den Jahren zuvor hatte er sich durch einen unbestechlichen Realismus und seine moralische Führungsstärke ausgezeichnet. Unter anderem nutzte er sein Verhandlungsgeschick um die beteiligten Staaten bei globalen Fragen wie der Erderwärmung, Drogen, Armut und Terrorismus aus der nationalen Reserve zu locken.

Im Jahr 2001 wurden er und die Vereinten Nationen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet – das Nobelpreis-Komitee bezeichnete ihn zu dieser Zeit als den „führenden Diplomaten Afrikas“.

Er scheute sich auch nicht, die USA für ihre Invasion im Irak 2003 offen zu kritisieren – ein bemerkenswert mutiger Schritt! 2004 hatte Annan die Invasion als „illegal“ bezeichnet.

Die grundlegend notwendigen Reformen der Vereinten Nationen konnte er allerdings nur ansatzweise verwirklichen.

Bereits ab 1987 prägte Kofi Annan als stellvertretender Generalsekretär und auch als Chef der Abteilung für Friedenserhaltende Einsätze (DPKO) mit seiner Handschrift die Geschicke weltweit.

Der Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 gehört zu den dunkelsten Kapiteln seiner sonst so glanzvollen Karriere. Die Spannungen zwischen den Hutu und Tutsi führten zum Tod von ca. einer Million Menschen und es dauerte über 10 Jahre bis er zumindest einen Teil der Verantwortung an diesem Fehlschlag übernahm, indem er zugab, damals nicht genug getan zu haben.

Ebenso lastete das Massaker an den 8000 Muslimen in der bosnischen Stadt Srebrenica im Jahr 1995 – das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg – mit auf seinen Schultern.

2007 gründete er in der Schweiz die Kofi Annan-Stiftung, die sich für die Förderung von Demokratie und Vermittlung in Krisenlagen einsetzt. Die Modernisierung der Landwirtschaft in Afrika als Schlüssel für eine bessere Zukunft war ihm ein Herzensanliegen, auch wenn er in die Heimat nie wieder dauerhaft zurückkehrte. Nach Annans Meinung im Jahr 2015 könne sich Afrikas Wachstum verdoppeln und die Armut drastisch reduziert werden, wenn sich die Regierungsführung verbessern würde, denn diese sei mitverantwortlich für die unsägliche Korruption

2012 wurde Annan UN-Sonderbeauftragter für Syrien. Knapp sechs Monate lang versuchte er für den Syrien-Konflikt eine Lösung zu finden um den Krieg zu einem Ende zu führen. Doch die Interessensgegensätze zwischen den Parteien waren zu groß.

In seine Amtszeit fielen auch die Terroranschläge des 11. September 2001 in den USA, die Kriege in Afghanistan, im Irak, im Sudan sowie viele weitere Konflikte in Afrika, Zentralasien und dem Nahen Osten.

Kofi Annan erhielt nicht nur den Friedensnobelpreis, sondern auch zwei Dutzend Ehrendoktortitel aus vier Kontinenten und 2003 den Sacharow-Preis des EU-Parlaments. 2007 wurde er von der englischen Königin Elizabeth II. ehrenhalber zum Ritter geschlagen.

Über seine Amtszeit weit hinaus, ja bis zum Schluss, blieb seine charismatische Stimme präsent und sie wird fehlen – als unüberhörbares Weltgewissen.

Israel würdigte ihn als „ einen Meister der vielseitigen Diplomatie“ und Kämpfer gegen die Leugnung des Holocaust.

Frankreichs Staatapräsident Emmanuel Macron äußerte sich dahingehend, im Sinne auch vieler anderer Politiker: „Wir werden weder seinen ruhigen und entschlossenen Blick noch die Kraft seiner Kämpfe vergessen.“ Der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zog ein Resümee, dem sich wohl viele Menschen anschliessen können: „ Die größte Anerkennung, die wir ihm geben können, ist, sein Vermächtnis und seinen Geist am Leben zu erhalten.“

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