Herbert Diess – kann er VW in die Zukunft führen?

von Mai 7, 2018Portraits
Herbert Diess

Seit 12. April 2018 ist Herbert Diess der neue Konzernchef bei VW, endlich nicht mehr der ewige Kronprinz wie bei BMW oder als Chef der Stammmarke VW – Herbert Diess ist an seinem Ziel angekommen – als Konzernchef bei VW, dem weltgrößten Automobilhersteller. Sein Einfluss ist enorm, außer Ferdinand Piëch hatte bisher niemand so viele Befugnisse, so viele Ämter, so viele Führungsaufgaben und so viel Macht wie er übertragen bekommen. Das ist eine klare Absage an Fehlerkultur und Teamwork in Wolfsburg.

Herbert Diess wird in Zukunft den Gesamtkonzern mit seinen zwölf Marken und weltweit 640.000 Mitarbeitern führen und direkt die Stammmarke VW. Zudem ist Herbert Diess Chef der neuen Volumen-Markengruppe, wozu neben VW auch Skoda und Seat zählen, weiterhin Chef der Konzernentwicklung und der Forschungsabteilung von VW. Die Fahrzeug-IT wird „aufgrund der besonderen Bedeutung der Vernetzung des Automobils von Herbert Diess selbst geführt“, teilte das Unternehmen bereits im Vorfeld mit. Darüberhinaus ist der Vorstandschef Herbert Diess direkt für die Auswahl und Rekrutierung der Topmanager im Konzern zuständig.

Wer ist Herbert Diess?

Herbert Diess ist ein österreichischer Manager und wurde am 24. Oktober 1958 in München geboren. Von 1977 bis 1978 studierte er Fahrzeugtechnik an der Fachhochschule München, anschließend allgemeinen Maschinenbau an der TU in München, und schloss 1983 sein Studium als Diplom-Ingenieur ab, die Promotion folgte 1987. Von 1989-1996 arbeitete Herbert Diess bei Bosch in Stuttgart.

1996 wechselte Herbert Diess zu BMW und gehörte dort ab 2007 zum Vorstand. Die Hausanfertigung von Komponenten in konzerneigenen Teilewerken hält er für unverzichtbar. Ebenso setzt sich Herbert Diess für die Fertigung von Lithium-Ionen-Batteriezellen in Deutschland ein, da er sie für eine Kerntechnologie der Elektromobilität hält. Im Februar 2015 wurde Herbert Diess in den Infineon-Aufsichtsrat bestellt.

Herbert Diess tritt kein leichtes Erbe an, zumal die Folgen des Dieselskandals immer noch nicht ausgestanden sind. Herbert Diess kündigte an, dass er dafür sorgen wolle, dass in Zukunft bei VW nicht nur darauf geachtet wird, was legal ist, sondern auch darauf, was legitim sei. Das sollte für einen Weltkonzern eigentlich normal sein, doch die Vergangenheit sah leider anders aus. Herbert Diess muß nun beweisen, dass er seine Versprechungen ernst meint und es bleibt ihm nur wenig Zeit, was wiederum nicht seine Schuld ist: die Geduld von Mitarbeitern, Behörden und der Öffentlichkeit haben andere vor seiner Zeit verspielt. Herbert Diess ist der Auffassung, dass wirtschaftlicher Erfolg lediglich mit einer gesunden Unternehmenskultur möglich ist. Und gute Umsatz- und Gewinnzahlen täuschen nur kurzfristig darüber hinweg, dass der Wandel überfällig ist und nur wenige Menschen hätten erwartet, dass VW den Abgasskandal wirtschaftlich so unbeschadet übersteht.

Herbert Diess übernimmt einen stabilen Konzern, dennoch muß er nun beweisen, dass er aufräumt und für Transparenz sorgt. Dazu würde beispielsweise auch gehören, die Ergebnisse der internen Ermittlungen zur Abgasaffäre endlich zu veröffentlichen, eine Frage des Anstands, der Demut und der Integrität!

Herbert Diess eilt der Ruf voraus, dass er effizient wirken kann, insbesondere wenn es darum geht, Kosten einzusparen. Bei BMW sparte er innerhalb von vier Jahren im Materialeinkauf vier Milliarden Euro ein. Dadurch trug er zu zwei Dritteln dazu bei, die konzernweit angepeilten  Einsparungen zu erreichen. Besonders zu spüren bekamen das die Zulieferer. Diess gilt als unerbittlich – Hauptsache, der Preis stimmt. Den Qualitätsabfall nahm er in Kauf. Desweiteren ist er ein Mann mit sog. „Steherqualitäten“, die er vor allem bei seinem Machtkampf mit dem einflussreichen Betriebsratschef Bernd Osterloh bewiesen hat.

Und trotz des Widerstandes der Arbeitnehmervertreter konnte er in den drei Jahren bei VW beachtliche Erfolge vorweisen: Produktivität und Effizienz und damit die Marge haben unter seiner Regie sprunghaft zugelegt, die Marke VW hat sich dadurch atemberaubend verbessert.

Was werden in Zukunft die Herausforderungen für Herbert Diess sein?

Auf Herbert Diess warten viele Schwierigkeiten, neben den technischen dürften diese vor allem im personellen Bereich liegen, wenn er seinen Kurs durchsetzen will. Denn der neue Kurs wird für die Arbeitnehmer problematisch werden. Laut Osterloh ist der Streit mit Herbert Diess mittlerweile beigelegt, doch mit der Harmonie könnte es schnell vorbei sein, wenn z.B. der Systemwechsel vom Verbrenner zum Elektroantrieb nicht nur neue Arbeitsplätze schafft, sondern welche kostet.

Die Machtverhältnisse wurden allerdings rechtzeitig klargestellt: kurz vor der Hauptversammlung sagte der Aufsichtsrat Wolfgang Porsche in einem Interview mit dem „Stern“, dass künftig Diess und niemand anders regieren würde, eine Botschaft, die wohl auch bei Bernd Osterloh angekommen ist!

Nach den Plänen von Herbert Diess muß der Konzern an entscheidenden Schnittstellen umstrukturiert werden: die Entscheidungswege sollen vor allem verkürzt werden, dass die Entscheidungen näher am operativen Geschäft sind und damit beim Kunden. Außerdem soll der Konzern dahingehend strukturiert werden, dass die Aufgaben der Konzernsteuerung auf „mehr Schultern“ verteilt werden. Durch eine Neuordnung des Konzerns, die diesen noch schlagkräftiger machen soll, erhöht sich der Druck auf die Konkurrenten in der Branche, ebenfalls ihre Strukturen zu überdenken. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings trotz aller Machtfülle: die Arbeitnehmervertreter haben es durchgesetzt, dass Diess einen Gegenspieler im Vorstand bekommt, nämlich den neuen Personalvorstand Gunnar Kilian, ein enger Vertrauter des Betriebsratschefs Bernd Osterloh. Kilian gilt als klug und besonnen und er verfügt über ein ausgezeichnetes Netzwerk. Herbert Diess wird gut daran tun, mit Kilian in Personalfragen zu kooperieren.

Mit der Unternehmensstrategie Transform 2025+ soll sich VW grundlegend wandeln um den Konzern zukunftsfähig und nachhaltig profitabel zu machen, Transform 2025+ ist der größte Veränderungsprozess in der Geschichte der Marke VW. Mit dieser Strategie, so Herbert Diess, will sich VW dem grundlegenden Wandel in der Branche nicht nur stellen, sondern ihn von der Spitze aus mitgestalten – es wird ein schneller, harter Umbruch, der alle treffen wird.

Durch die Digitalisierung wird sich die Branche in den nächsten zehn Jahren stärker und rascher verändern als je zuvor. Bereits in vier bis fünf Jahren wird das Elektroauto z.B. schon soweit sein, dass es für den Kunden eine interessante Alternative darstellt.

Wir können gespannt sein, wie sich das Unternehmen entwickeln und profilieren wird – die neu geschaffenen Voraussetzungen sind vielversprechend!

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