Wieso wir alte Rollenbilder vergessen sollten

von November 9, 2017 Panorama

Wir leben im Jahr 2017. Wir haben einen Roboter zum Mars geschickt, können Essen drucken und Autos selbst fahren lassen. Doch an einem Aspekt unserer Gesellschaft scheint der Fortschritt vorüberzuziehen, oder zumindest in Zeitlupe abzulaufen: Geschlechterrollen. Wir können Videospiele in virtuellen Realitäten spielen, aber gleichzeitig hält sich „Jungs mögen blau, Mädchen mögen rosa“ hartnäckig in den Köpfen der Marketingbranche. Wir verbinden Computer mit unseren Gehirnen und sprechen Männern trotzdem gerne generalisierend den Sinn für Romantik ab. Oder Frauen den für Orientierung. Dieses Schubladendenken behindert den Gesamtfortschritt unserer Gesellschaft, und dennoch scheinen wir schwer davon loszukommen. Wir haben besonders hartnäckige Vorurteile auf Herz und Nieren geprüft.

Männer können ihre Gefühle nicht ausdrücken

Während dieses Vorurteil in der Praxis stimmen mag, hat es nichts mit – wie oft angenommen – hormonellen oder biologischen Unterschieden zu tun, sondern lediglich mit lange vorherrschenden Rollenbildern. Von Kindheit an werden Frauen eher dazu ermutigt, ihre Emotionen zu veräußerlichen und über Probleme offen zu sprechen, als Männer. Dieses angelernte Verhalten kann zu ernsten Problemen führen; denn auch bei psychischen Erkrankungen ist die Hemmschwelle, externe Hilfe zu suchen, bei Männern viel höher. Das führt dazu, dass beispielsweise Depressionen bei Männern oft in späteren Stadien diagnostiziert und behandelt werden – oder gar nicht.

Frauen haben keinen Orientierungssinn

Der Klischee-Klassiker: Frauen haben eine schlechtere Orientierung als Männer, können keine Karten lesen und sich keine Wege merken – all das wurde bereits durch zahlreiche Tests widerlegt. Warum sich dieses Vorurteil trotzdem so lange hält, liegt vermutlich daran, dass Frauen und Männer tatsächlich Unterschiede im räumlichen Denken aufweisen. Diese führen jedoch lediglich zu einem anderen Orientierungsverhalten und unterschiedlichen Wegbeschreibungen, nicht aber zu einem geringeren Orientierungsvermögen. Während Frauen sich an bestimmten Punkten orientieren, verfügen Männer meist über Überblickswissen. In der Praxis heißt das: Frauen merken sich eher „Bis zur großen Kreuzung geradeaus, dann rechts bis zum Supermarkt“, während Männer Sätze wie „nach 200 Metern nach Norden abbiegen, 500 Meter weiter nach Westen abbiegen“ eher im Kopf behalten. Dass viele Wegbeschreibungen und Navigationssysteme eher eine „männliche“ Sprache verwenden, trägt zur Hartnäckigkeit dieses Vorurteils bei.

Männer haben Bindungsängste

Frauen sind immer auf der Suche nach eine Beziehung, während Männer sich alles offen halten wollen. Ein Klischee, fast so alt wie die Liebe. Ähnlich der äußerlichen Emotionalität beruht auch dieses Vorurteil auf veralteten Geschlechterklischees. Oft wird es mit dem urzeitlichen Instinkt begründet, als Frau oder Weibchen für den Nachwuchs zu sorgen, und als Männchen seine Gene zu verbreiten. Dieses Argument passt genau dort, wo es herkommt: in die Urzeit und in die Tierwelt. Tatsächlich sind sowohl Frauen als auch Männer gleichermaßen von Beziehungsängsten betroffen. Eine weit verbreitete Meinung ist hingegen, dass jüngere Generationen immer häufiger Bindungsunfähigkeit im Liebesleben zeigen. Diesem Phänomen liegen verschiedene Entwicklungen zu Grunde. Angst vor Beziehungen an einem Geschlecht festzumachen, ist jedoch aus dem Himmel gegriffen.

Frauen reden viel

Auch dieses Klischee wurde in Studien widerlegt. Bei keinem Geschlecht kann ein Überhang an verwendeten Wörtern oder Redezeit festgestellt werden. Tatsächlich existieren lediglich Verhaltensunterschiede in bestimmten Situationen. So tendieren Frauen beispielsweise dazu, sich in Kleingruppen öfter zu Wort zu melden, während Männer in größeren Gruppen gesprächiger sind.

Während manche Unterschiede und Tendenzen von Männern und Frauen tatsächlich auf biologischen Merkmalen basieren, stammen viele Vorurteile aus längst vergangenen Zeiten und werden einzig und allein durch Schubladendenken bedingt. Bei vielen Klischees mag es sich um Kleinigkeiten handeln, die im Alltag belächelt werden und selten ins Gewicht fallen. Das Denken in vorgefertigten Kategorien ist schließlich naturgegeben: Der Mensch versucht, seine Umwelt zu kontrollieren, indem er sie simplifiziert. So vereinfachen wir auch unsere Mitmenschen und ordnen ihnen naheliegende Eigenschaften zu, um sie leichter einordnen zu können. Jedoch ist Vorsicht geboten: Haltlosen Vorurteilen blind zu folgen, kann weitreichendere Folgen haben, als erwartet – und das in vielen Lebensbereichen. Denn jede Vereinfachung bedeutet auch eine Reduktion. Wir reduzieren uns also gegenseitig auf längst veraltete oder schlicht und einfach falsche Annahmen. Daraus resultieren nicht selten Nachteile im Berufs- oder Liebesleben. So gäbe es beispielsweise die Gender Payment Gap ohne Rollenbilder aus der Vergangenheit nicht. Auch so manche Beziehungsstörungen könnten durch eine offenere, von Vorurteilen befreite Denkweise beseitigt werden.