Flow – Leben im Hier und Jetzt

von September 14, 2018 Management

„Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.“ Friedrich Schiller

Was ist eigentlich Flow?

Flow ist der Zustand höchster Konzentration auf eine Aufgabe. Man nimmt die Dinge, die um einen herum vorgehen, nicht mehr richtig wahr – Zeit und Raum werden relativ. Momente können sich wie Stunden anfühlen oder Stunden wie Bruchteile einer Sekunde. Flow (engl.: Fließen, Rinnen, Strömen) bedeutet, dass wir in einer Tätigkeit völlig aufgehen, im Fluß sind. Unser Handeln und Denken sowie unsere Gefühle und Wünsche sind in dieser Zeit aufeinander abgestimmt, man befindet sich gewissermaßen in einer Art Schaffensrausch. Man läuft zu körperlichen und mentalen Höchstleistungen auf, so, als hätte man den Turbogang eingeschaltet. Mühelos meistert man jede Aufgabe und jede Situation und wächst über sich hinaus. Im Flow können wir uns in vielen verschiedenen Bereichen befinden – im Beruf, in unserem Hobby, aber auch in der Partnerschaft oder in einer Freundschaft.
Als Kinder haben wir gewissermaßen ausgesprochen häufig einen Flow erlebt. Alles um uns herum vergessend gingen wir im Spiel und den Tätigkeiten auf, die uns Freude bereiteten – Raum und Zeit wurden nebensächlich, wir waren ganz bei uns. Das ein oder andere Mal haben wir diesen Zustand sicher auch später noch erlebt ohne uns dessen bewußt zu sein.

Wir würden manchmal viel darum geben, auch als Erwachsene diesen Zustand immer wieder zu erreichen, aber es ist schwieriger und seltener geworden. Denn es gelingt uns zunehmend weniger, uns von Erfolgsdruck, Selbstzweifeln, Kontrollverlust, Zeitdruck, Stress etc. zu befreien.

Mihály Csikszentmihály ist der Name des Mannes, der den Begriff Flow geprägt und sich über viele Jahre mit diesem Phänomen beschäftigt hat. Nach seinen Forschungen gibt es viele verschiedene Komponenten, die sich gegenseitig ergänzen um ein Flow-Erlebnis zu erzeugen:

  • die Tätigkeit bzw. das Gefühl ist eine Herausforderung für uns, der wir uns allerdings gewachsen fühlen
  • der Alltag um uns herum schafft es nicht uns davon abzulenken
  • wir können die Tätigkeit/das Gefühl kontrollieren
  • wir wissen wie wir erreichen, was wir wollen
  • wir sind unempfänglich für alle Sorgen, diese existieren für uns nicht
  • wir erfahren unmittelbar, wenn etwas gut oder schlecht läuft
  • für unser Empfinden vergeht die Zeit schneller

Die Voraussetzung dafür um in einer Tätigkeit vollständig aufzugehen, d.h. den Flow-Zustand zu erreichen, ist, dass sie uns Freude bereiten muß. Unser Beruf beispielsweise füllt uns zwar aus, aber aus- und erfüllen ist nicht dasselbe. Unsere selbstgewählte Tätigkeit muß uns soviel Freude machen, dass wir auch dann „am Ball“ bleiben, wenn es einmal nicht so gut läuft.
Zudem sollten wir alle negativen Gefühle, die wir als Kind noch nicht kannten, versuchen zu eliminieren.Dazu zählen zum Beispiel Fehler aus der Vergangenheit, Versagensängste, eine grundsätzlich negative Einstellung, mangelndes Selbstvertrauen, eigene körperliche Einschränkungen; denn wenn sich der Fokus auf diese Komponenten richtet, wird die eigene Kreativität blockiert. In solch einem Falle hilft es sich daran zu erinnern, warum man sich für diese Sportart, dieses Hobby oder einen bestimmten Menschen entschieden hat – gehen Sie alles locker und entspannt an.

Flow-Momente können wir relativ schnell in unserem Leben finden. Das sind die Situationen, in denen man körperlich oder mental an seine Grenzen gestoßen ist, sich überwunden und es schließlich doch gemacht hat:

  • als Du mit dem Mountainbike den Abhang hinuntergerast bist und alles in Zeitlupe erlebt hast, das Licht, jeden Stock, jeden Stein, die Euphorie
  • als Du ein Projekt übernommen hast, von dem Du nicht wußtest, wie es zu schaffen sei und schließlich hast Du es dann doch einfach gemacht
    obwohl Du schüchtern bist, hast Du Dich getraut, den netten Typen auf der Party anzusprechen
    beim Basketball bist Du zum Korb gezogen und hast den Ball mit einer krassen Drehbewegung im Korb versenkt

Der Extremsport ist die Königsdisziplin, denn keine andere Tätigkeit versetzt einen so schnell in einen Flow. In keiner anderen Sportart hat es in den letzten beiden Jahrzehnten so viele neue Rekorde gegeben.
Flow in einer schwächeren Form kennen Ausdauersportler. Bei Läufern nennt man es „Runner´s High“, wenn der Punkt der Erschöpfung irgendwann überwunden ist und es einfach läuft. Dasselbe Phänomen kennt man von Sportarten mit langen Strecken und sich wiederholenden Bewegungsabläufen wie Radfahren, Rudern, Wandern oder Schwimmen. Wenn der Punkt überwunden ist, laufen alle Bewegungen automatisch ab: man fühlt sich leicht und ist vollkommen präsent im Augenblick.

Bei Sportarten draußen in der Natur, bei denen sich ständig die Bedingungen ändern, muß man, um bestehen zu können, 100% bei der Sache sein – Skifahren, Segeln, Surfen, Kajakfahren, Klettern oder Gleitschirmfliegen. Jede falsche Entscheidung macht sich unmittelbar bemerkbar und nur, wenn ich mich im Flow, d.h. im Zustand höchster Konzentration befinde, bin ich In der Lage, angemessen zu reagieren.

Im Flow befinden sich auch Menschen in Ausnahmesituationen, wo es um Leben und Tod geht wie z.B. ein Chirurg oder ein Rettungssanitäter. Ebenso auch eine Mutter oder ein Vater, die ihr Kind aus einer lebensbedrohlichen Situation retten wollen, denken in diesem Moment an nichts anderes und sind im Flow.

Musiker, Maler, Schriftsteller, Tänzer oder Designer, also Künstler und Kreative kommen meist durch Musik oder ihre Arbeit selbst in einen Flowzustand. Das Gleiche gilt für Querdenker, Unternehmer und Wissenschaftler: sie nutzen den Flow um gewohnte Denkweisen zu überwinden, unternehmerische Entscheidungen zu treffen oder Durchbrüche in der Wissenschaft zu erzielen.

Nicht zuletzt soll noch erwähnt werden, dass es Kindern und Gamern unheimlich leicht fällt, sich in einen Flowzustand zu versetzen.
Wir sehen also, dass die Möglichkeiten des Flows ausgesprochen facettenreich sind und vielfältig genutzt werden können.

Nach Mihály Csikszentmihályi gibt es acht Komponenten der Flow-Erfahrung, davon sind die ersten drei notwendige Voraussetzungen für das Zustandekommen solcher Erfahrungen, die weiteren fünf beziehen sich auf die Ebene des subjektiven Erlebens beim Handeln im Flow:

  1. Klarheit der Ziele und unmittelbare Rückmeldungen bieten insbesondere viele sportliche Disziplinen und künstlerische Betätigungen und gehören deshalb zu den klassischen Flow-Aktivitäten.
  2. Eine sehr hohe Konzentration auf ein begrenztes Feld erlaubt es uns, uns intensiv mit einer Aktivität zu verbinden, was allerdings in vielen Fällen im Widerspruch zu den Anforderungen des Alltags steht.
  3. Der Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe sollte im richtigen Verhältnis zu den Fähigkeiten der handelnden Person stehen. Ist die Herausforderung zu groß, führt dies zu Angst und Frustration, ist sie eine Unterordnung für den Betroffenen, führt das zu Langeweile und Routine, d.h. das Flow-Erleben spielt sich zwischen den Polen Unter- und Überforderung ab.
  4. Ein verstärktes Gefühl von Kontrolle über eigene Handlungen kennzeichnet den Flowzustand, allerdings nicht Kontrolle im zwanghaften Sinne, sondern als integraler Bestandteil der Flow-Erfahrung im Sinne eines Zustandes von Gelöstheit und Angstfreiheit.
  5. Der Leichtigkeit und Mühelosigkeit des Handlungsablaufes gab der Flow-Erfahrung ihren Namen. Auch wenn manche Aktivität wie zum Beispiel ein Tennismatch oder ein Solokonzert von außen betrachtet einen besonderen Energieeinsatz erfordern, läuft für den Handelnden alles harmonisch und mühelos ab, gleichsam wie aus einer inneren Logik heraus.
  6. Das Zeiterleben verändert sich, d.h. im tiefen Flow ist das normale Zeitgefühl aufgehoben. Es kommt im subjektiven Erleben zu Zeitraffungen und Zeitdehnungen, deshalb spricht man von einem zeitfreien Flow-Modus.

Im Flow kommt es als Folge der vollständigen und absoluten Konzentration auf eine Tätigkeit zu einer Verschmelzung von Aktivität und Aufmerksamkeit. Das Erleben dieser Tatsache lässt wiederum keinerlei Raum mehr für jegliche Sorgen, Ängste und Gedanken, die um die eigene Person kreisen. Der Handelnde erlebt sich eins mit seinem Tun und nicht mehr als von der Welt isoliertes Selbst. Dieses Einheitsgefühl kann er sowohl in Bezug auf seine unmittelbare Umgebung als auch im Zusammenhang mit einer Gruppe von Menschen erleben, sofern es sich um eine mit anderen ausgeübte Tätigkeit handelt (Team- Flow).
Die autotelische (griechisch autos=selbst und telos=Ziel) Qualität der Flowerfahrung nennen wir IROI. Bereits das Tun selbst ist befriedigend, d.h. das Ziel der Tätigkeit liegt zum großen Teil bereits in der Handlung selbst, deshalb ist das Handeln im Flow „Immediate Return on Investment“.

In Zeiten, in denen der von manchem so hochgelobte Zustand der Arbeitsweise des Multitaskings propagiert wird, lohnt es sich vielleicht einmal darüber Gedanken machen, welche Arbeitsweise langfristig erfolgreicher und effektiver ist.